Hils- und Verkehrsverein Grünenplan

                                                                                                                                                

 .... WIE IN EINEM SPIEGEL Anmerkungen zur Spiegelglasgeschichte Grünenplans

Das Weserbergland stellte sich vom 16. Jh. bis zum 18. Jh. als eines der kompaktesten Glasmacherregionen Deutschlands dar - an den Höhenrücken von Solling, Vogler, Bramwald und Hils (Kreuzworträtslern bekannt als Wesergebirge mit vier Buchstaben) wurden für das 16.-17. Jh. zahlreiche Waldglashütten nachgewiesen (Solling: 43, Vogler: 29, Bramwald :8, Hils: 17), von denen einige wohl aufgrund ihrer vorteilhaften Lage sich zu ortsfesten Glashütten entwickelten. Mit der Gründung einer Herzoglichen Spiegelglasmanufaktur 1744 scheint die Spiegelglasherstellung im Herzogtum Braunschweig/Wolfenbüttel zu beginnen. Zu dieser Zeit bestanden im deutschsprachigen Raum neben Grünenplan allein die Spiegelhütten in Neuhaus / Niederösterreich (seit 1701, nach französischem Muster gegründet, 1748 Spiegelgussverfahren) und Rechtenbach im Spessart.

Im Hils ist die früheste Waldglashütte für 1170 nachgewiesen, weshalb sich die Hilsmulde einer mindestens 850-jährigen, kontinuierlichen Glasmachertradition rühmen kann. Seit dieser Zeit war es ’ein ewig Kreuz , gut Glas zu machen‘ - vgl. alchimistisches Glasmacherzeichen des Mittelalters, das bis heute gebräuchlich ist.

Als eine Besonderheit des Spätmittelalters gelten gotische Neunkantbecher für 750 ml Bier, die auf der Baustelle der Einbecker Stadtsparkasse in einer dort freigelegten Kloake als Scherben mehrerer Gläser in der Schicht um 1290 gefunden wurden. Die ’neun Kanten‘ müssen etwas mit gotischer Zahlenmystik zu tun haben - mit Sicherheit haben nicht neun ’Spitzmaulfrösche‘ nacheinander an jeweils ihrer ‘Kante‘ daraus Bier getrunken. Glasanalysen ergaben, dass diese Neunkantgläser wahrscheinlich in einer Glashütte der Hilsmulde hergestellt worden sind.

DIE ERSTEN SPIEGELMACHER IM HILS

Der ‘Düringer‘ Glashüttenmeister Hans Greiner (VIa, 1586-1634) gründet 1630 mit seinem Schwiegersohn Franz Seidensticker (1600-64) ‘einen Musketenschuss unterhalb des Hilsbornteiches‘ eine Glashütte, nachdem er zuvor eine Glashütte am Wabach im Vogler (V 22,1621-23) und eine Glashütte oberhalb des Hilsbornteiches (H 7,1624-25) durch Zerstörung Tillyscher Truppen zu Beginn des Böhmischen Krieges (heute als 30-jähriger Krieg bekannt) verloren hatte.

Die neue Glashütte ‘unterdem Hilsbornteich‘ (H 8) bestand bis 1667, also über ungewöhnliche 37 Jahre. Parallel betreute Hans Greiner d.Ä. auch eine Glashütte bei Bodenwerder und ab 1629 und sein Sohn Hans Greiner d.J. (VIIb, 1619-90) auch eine Weißglashütte oberhalb des Hakenborn im Hils (H 10, 1634-37) mit seinem Partner Hans Bartels, der sich in seinen eigenen Konzessionsgesuchen ‘der Kunst der Spiegelglasherstellung rühmte‘. So verwundert es nicht, dass Hans Greiner d.J. 1634 anbietet, seine Schulden ‘mit düchtigen Spiegeln und anderen Tafeln aus seinem Alfelder Lager‘ (6 km nördlich Grünenplans) zu bezahlen.

Otto Bloss berichtet in ‘Die älteren Glashütten in Südniedersachsen‘ (Hildesheim 1977) schon von einer Glashütte am Wellenspring im Hils (H 3, 1602-05) und von deren Hüttenmeistern Hans Becker und Peter Hüttel sowie deren ‘Weissglas‘, mit dem sie die wolfenbüttelsche Residenz ‘verwöhnten‘. Weiter führt er eine Weißglashütte im Vogler (V 9, 1599-1618) an, deren Hüttenmeister Peter Hüttel zunächst 1594-99 in der hessischen Christallynglashütte Altmünden arbeitete. So zeigt sich schon seit Beginn des 16. Jh. eine Parallelität von ‘einfachen‘, grünem Waldglass und ‘besseren‘ weil schleiffähigen Spiegelglas, oft auf einer Hütte hergestellt.

Als Hüttenmeister war Hans Greiner d.J. also qualifiziert, die Filialhütte ‘am grünen Platz‘ (H 9,1636-42) der Glashütte ‘unter dem Hilsborn‘ zu leiten und rein-weißes Fensterglas ‘behuefs unserer Fürstlichen Palatii Gebaeudes zu Hannover‘, also für das neue Leineschloss der Calenberger Herzöge in Hannover herzustellen - das Leineschloss wurde 1945 zerbombt.

Zu dieser Zeit bildete der Glasebach an der Filialhütte ’ am grünen Platz‘ (vgl. Karte: grüner Punkt) die Grenze zwischen dem braunschweigischen/wolfenbüttelschen Weserdistrict und dem das nördlich gelegene Ackenhäuser Holz beanspruchenden Herzogtum Calenberg. Der die Glashütte ’Unter den Talsköpfen/unter dem Hilsbornteich‘ konzessionierende Herzog August d.J. von B/L (1579,1634-66) erfuhr von diesen Lieferungen ins Calenbergische und forderte sofort zusätzlich zur Pacht fünf Wagenladungen reinweißen Fensterglases pro Jahr auf das Hoflager nach Wolfenbüttel. Der Hüttenmeister Franz Seidensticker sollte gezwungen werden, neben den calenbergischen Lehnseid und den wolfenbüttelschen Lehnseid zu leisten. Zudem eskalierte der Streit um das Ackenhäuser Holz - das calenbergische Amt Wickensen und das wolfenbüttelsche Amt Greene rekrutierten schon Soldaten. Franz Seidensticker übergab die Hütte seinem Sohn Hans Gerhdt und zog in den calenbergischen Solling-Teil, um am Lakenborn (S 21, 1656-81) eine neue Glashütte zu gründen - später zog zu einer lippischen Glashütte.

Die Meriansche Topographie des Herzogtums Braunschweig-Lüneburg von 1655 vermerkt unter dem Amt Greene stolz und ausführlich ’zween ansehnliche Glashütten im Hilse‘, die mit 24 Personen jeweils zweigeteilt für Hohlglas und Flachglas (Weißglas?), von Ostern bis Martini, tags und nachts arbeiten.

Herzog Rudolf August von B/L (1627, 1666-1704) besuchte 1667 die Waldglashütte und bekommt bemalte Weißglas-Pokale geschenkt - bei einem Besuch 1686 bekommt er esechs bemalte Grünglaspokale geschenkt. Wahrscheinlich war im Vorfeld der Reiseplanung schon abgesprochen, dass der Hüttenmeister Hans Georg Seidensticker (1621-97, 10 Kinder) ’am grünen Platz‘ eine ortsfeste Glashütte errichten kann und ein ’stattliches Wohnhaus‘ bauen darf (in dem auch der Herzog zur Jagd unterkommen kann) mit Brau- und Schankrecht. Die Glasmacher bekamen Hausstellen zugewiesen (‘alter Anbau‘ am grünen Plan) und erreichten damit Bürgerrechte, Beschulung der Kinder und geistliche Betreuung durch den benachbarten Delligser Pfarrer. Der Hüttenpächter H.G. Seidensticker wurde als Zoll-Einnehmer an der calenbergischen Grenze zum nahen Alfeld und zum Wildmeister im Hils ernannt. Sein ältester Sohn Anton Seidensticker (1654-1708, 7 Kinder) wird 1681 zum herzoglichen Kanzleirat, später Hofrat, auf der Apanageresidenz Blankenburg ernannt und geadelt - dies alles weist auf ein sehr viel einvernehmlicheres Verhältnis zum Herzoghaus in Braunschweig/Wolfenbüttel. 1709 stirbt Rudolf Seidensticker (1663-1709) auf der ‘Spiegelhütte‘ - seine 5 Töchter übernehmen mit ihren Männern die Spiegelhütte in Erbengemeinschaft und führen wohl die Hütte bis 1744 mehr oder weniger erfolgreich weiter.

DIE GRÜNENPLANER SPIEGELHÜTTE

1744 überzeugte der braunschweig-wolfenbüttelsche Kammerrat Thomas Ziesich den merkantilistisch orientierten Herzog Carl I. von B/L (1713, 1735-80), einen vorhandenen Hüttenstandort beim ’alten Anbau in Grünenplan‘ im Hils, also im braunschweigischen Weserdistrict, für eine ’Herzogliche Spiegelglasmanufactur‘ zu nutzen und dafür die notwendigen Christallglasmacher, Glasschneider, Spiegelschleifer, Poliermeister und Beleger ’zusammenzubringen‘. Knapp zwei Jahre später trug der zuständige Pfarrer in Delligsen die Neubürger der ’Spiegelhütte‘ in das Pfarrbuch ein; fünf Spiegel- und Facettenschleifer aus Nürnberg, einer aus der Bretagne, die übrigen aus der Grafschaften Isenburg, Bayreuth, aus der Oberpfalz, dem Würzburgischen, Ansbach, Sachsen und Böhmen.

Der rührige Kammerrat Ziesich gründete weiter in Holzen eine Flaschenglashütte (H16, 1744-68) und in Schorborn/Solling eine Hohl- und Tafelglashütte (S 41,1744-1819), in der neben grünem Waldglas auch reinweißes Christallinglas für feinen Kunstschnitt/Kunstschliff von Pokalen u.a.m. geschmolzen wurden.

Diese Belebung einer vorhandenen Glashütte im Hils hatte nicht nur zum Ziele, weitere Spezialisten im Herzogtum anzusiedeln, auf diese Weise nachgefragte Produkte herzustellen und steuerzahlende Neubürger zu gewinnen. Er konnte den Herzog wohl auch mit dem Argument gewinnen, ein bisher allein französisches Produkt, das das Versailler Schloss zu seinem ’Glanz‘ verhalf, nunmehr auch im Herzogtum Braunschweig verfügbar zu machen: Spiegel! Nur kurze Zeit später wird Herzog Carl I. auch sein Verlangen nach dem gleichen Tafelgeschirr artikulieren, wie es sein Kollege in Sachsen schon entwickeln ließ: Porzellan! Sein Oberforstmeister Johann Georg von Langen (1699-1776), der ab 1746 zunächst den Hils und dann den Solling forstlich ordnete und Perspektiven im Sinne einer von ihm entwickelten nachhaltigen Forstwirtschaft (Plantagenwirtschaft) skizzierte, versuchte über sieben Jahre im nahen Fürstenberg Porzellan herzustellen - erst nach 7 Jahren gelang der erste brauchbare Brand.

Zuvor hatte er aber die Notwendigkeit erkannt, Wohnraum für die Glas-‘Fabrikanten‘ in Grünenplan zu schaffen: 1749 legte er ein pro memoria zu einer Siedlung für die ‘Neuen Anbauer am Grünen Plan‘ vor, auf einer flach geneigten Wiese des durch die enorme Fensterglasproduktion (1632-42) entwaldeten Holzberges - als erste so regelmäßig angelegte Glasmachersiedlung in Mitteleuropa steht diese mittlerweile unter Ensemble-Denkmalschutz (vgl.blauer Punkt im Ortsplan von 1802). 1871 wurde die Spiegelhütte als eine der ersten zu einer Aktiengesellschaft ’Deutsche Spiegelglas AG - DESAG‘umgewandelt.

EIN GEMÄLDE IM SPIEGEL ..... EINER SPIEGELGESCHICHTE

Der berühmte französische Rokoko-Maler Jean-Antoine Watteau (1684-1721) war für die elegante Leichtigkeit seiner Figuren, bei aller Leuchtkraft zart bleibender Farbigkeit und später an den geradezu schwerelos wirkenden Figuren europaweit berühmt. Der Preußenkönig Friedrich II. (1712, 1740-86) erkor Watteau zu seinem Lieblingsmaler und kaufte 19 seiner Gemälde, die sich heute noch im Besitz der ’Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg‘ befinden.

Der Preußenprinz Friedrich ‘wurde‘ mit einer Schwester des Herzogs Carl I. von Braunschweig-Lüneburg (1713, 1735-80) verheiratet und Herzog Carl I. durfte bei einer Art Doppelhochzeit die Schwester des Preußenprinzen Philippine Charlotte von Preußen (1716-1801) heiraten.

So lag es nahe, die Gastgemächer des Preußenkönigs im braunschweigischen Schloss Salzdahlum für die Besuche bei seiner Schwester und der braunschweigischen Herzogsfamilie - er konnte hier mehrere Generäle für seine Armee gewinnen - mit Motiven seines Lieblingsmalers Watteau zu schmücken. Originale waren wohl nicht mehr verfügbar und so repräsentierte man mit einem typischen braunschweigischen Produkt - einem Spiegel.

Dafür ließ man zunächst das Watteausche Gemälde ’Allegorie des Feuers‘ aus der Serie ’Die vier Elemente‘ kopieren (vgl. Abb.) und der Stahlstecher J. Wagner fertigte einen Stahlstich, bei dessen Druck dann allerdings das Paar von links nach rechts vom brennenden Haus flüchtete (vgl.Abb.). Der berühmte Glasschneider Johann Balthasar Sang muss um 1750 in der Spiegelfabrik Körblein/Braunschweig entweder nach dem Vorbild der Ölgemälde-Kopie oder der Stahlstichplatte den Glasschnitt des Grünenplaner Spiegels gefertigt haben (vgl. Abb.). Das Fluchtmotiv mit den letzten Habseligkeiten mutierte allerdings in zeitgeistiger Manier zu einer Schäferszene unter einem Apfelbaum.

Die Galerie Erich Beckmann in Hannover versteigerte diesen Spiegel etwa um 1965 und vermerkte auf der Rückseite die Herkunft des Spiegels: ’Salzdahlumer Rokoko-Spiegel in venezianischer Manier - sehr selten, über alles 58 x 38 cm, von Hichsser??‘ und ‘originale Erhaltung‘. Ersteigert wurde der Spiegel von Erich Mäder, dem kaufmännischen Vorstand der DESAG in Grünenplan und wurde nach seinem Tode dem Grünenplaner Glasmuseum gestiftet.

Die Ölgemälde-Kopie kam mit der Herzogin Therese Natalie von B/L (1728-1778), einer Schwester Herzog Carl I., 1760 ins Reichsstift Gandersheim (Inv.Nr. 259) - 1767 wird Therese Natalie Äbtissin von Gandersheim und 1778 ihre Enkelin Auguste Dorothee von B/L (1749-1810). 1818 kommt das Gemälde nach der Säkularisation des Reichsstiftes zurück nach Braunschweig (H-A-U-M, Inv.Nr. 1319, Ln.44 x 32 cm).

BRÜCKEN IN ANDERE WELTEN

1773 übernimmt Anton C.F. Amelung (1735-1796) mit seinem Bruder J. Friedrich W. Amelung (1741-1798) die dem Bankrott nahe Spiegelhütte Grünenplan mit einem Pachtvertrag über 18 Jahre. Das bisher nach Norddeutschland und Amsterdam verkaufte Grünenplaner Spiegelglas konnte er auch nach Russland und weiter nach Persien und China verkaufen. Bald aber entstand Konkurrenz durch neugegründete Glashütten und der Glas-Absatz erschwerte sich durch steigende Zölle.

1784 verlässt Friedrich/Frederick Amelung mit 135 Personen (z.t. Grünenplaner und angeworbene Glasmacher) mit Material für drei Schmelzöfen und Empfehlungsschreiben Grünenplan und segelte von Bremen aus nach Baltimore, wo er in New Bremen eine Glashütte eröffnete, in der ’Fensterglas der einfachen und feinen Sorte‘, weißes und grünes Hohlglas, optische Gläser und gebrauchsfertige Spiegel hergestellt wurden. Berühmt wurde die Glashütte durch Pokale, die führenden Persönlichkeiten, u.a. George Washington, marketingfördernd überlassen wurden. 1799 wurde die Glashütte New Bremen verkauft und kam zu den 1797 gegründeten ’Pittsburgh Glass Works‘- der heutige Weltkonzern Corning Glass in Pittsburgh versteht Grünenplan als seine Kinderstube.

Trotz aller Probleme entwickelte Anton C.F. Amelung die Grünenplaner Spiegelhütte vorbildlich, baute weitere Glasmacher-Wohnhäuser (Amelungsche Reihe), beschaffte eine größere Gießplatte und war in ständigem Kontakt mit dem Physiker und Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg (1742-99) bezüglich der Glaszuschlagstoffe für bessere Apparategläser.

Nach Kündigung des Pachtvertrages 1789 zog Anton C.F. Amelung zunächst nach Holzminden, wanderte 1792 dann mit 200 Grünenplanern ins russische Generalgouvernement Livland/heute Estland aus und gründete bei Dorpat/heute Tartu zwei Glashütten: ‘Catharina‘ in Roika für Spiegelglas und ‘Lisette‘ für Hohlglasfertigung im nahen Meleski. Seine Söhne und Enkel bauten die Glashütten aus, so dass 1850 hier mit 2000 Spiegelmachern die größte Glashütte des zaristischen Russland arbeitete.

Die Spiegel wurden weiterhin nach Russland und China, aber auch nach Südafrika und Brasilien verkauft - das Foyer der 1896 eröffneten Oper in Manaus am Rio Negro bzw. nahe dem Amazonas soll mit Spiegeln aus der Spiegelhütte Catharina ausgestaltet worden sein.

 

 

 

Wandern im Gläsernen Wald
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Wandern im Hils
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